Warum chinesische Software- und KI-Unternehmen Deutschland bisher kaum priorisiert haben

Eine unternehmerische Rechnung seit 2006

von Zheng Yue (David)

Aus dem Chinesischen von Liu Jie

Warum chinesische Software- und KI-Unternehmen Deutschland bisher kaum priorisiert haben

Eine unternehmerische Rechnung seit 2006

von Zheng Yue (David) Aus dem Chinesischen von Liu Jie

Deutschland schaut neu auf chinesische KI. Schaut die chinesische Branche auch neu auf Deutschland?

Dieser Text ist aus mehreren Gesprächen entstanden, die Gunnar Brune und ich in den vergangenen Monaten geführt haben. Die Ausgangsfrage lautete: Deutschland bewertet die chinesische Software- und KI-Branche gerade neu – aber verändert das auch die Einschätzung, die chinesische Unternehmen vom deutschen Markt haben?

Weil wir dazu unterschiedliche Beobachtungen haben, schreiben wir unsere Teile getrennt und stellen sie nebeneinander. Mein Teil ist keine Empfehlung, weder für noch gegen einen Markteintritt. Er versucht, eine Frage zu beantworten, die in der deutschen Diskussion selten gestellt wird: Warum haben viele chinesische Software- und KI-Unternehmen Deutschland in den vergangenen zwanzig Jahren nicht als vorrangigen Zielmarkt behandelt?

Meine Einschätzung: Das neue deutsche Interesse an chinesischer KI führt nicht automatisch dazu, dass chinesische Unternehmen ihre Bewertung Deutschlands revidieren. Diese Bewertung beruht weder auf Unkenntnis noch auf einem Ressentiment, sondern auf einer Rechnung aus Aufwand, Risiko und Ertrag.

Vor einem Monat erzählte mir ein leitender Manager eines chinesischen Softwareunternehmens, man habe vor einigen Jahren Afrika als Auslandsmarkt festgelegt; die Projekte liefen gut, erste Zahlungen seien eingegangen. Deutschland stehe weiterhin nicht zur Debatte. Diese Aussage hat mich nicht überrascht. Bemerkenswert finde ich etwas anderes: In der chinesischen Branche gilt das als Selbstverständlichkeit – in der deutschen Diskussion über chinesische Software und KI kommt es kaum vor.

Ich lebe seit fast zwanzig Jahren in Deutschland und bin seit langem im deutsch-chinesischen Austausch der Digitalwirtschaft tätig. Hier wird über chinesische Technologie gesprochen, über den chinesischen Markt, über Risiken, auch darüber, wie man chinesische Unternehmen nach Deutschland holt. Selten fällt dabei eine strukturelle Auffälligkeit auf: In Deutschland gibt es praktisch keine chinesischen Softwareunternehmen, deren Kern die eigene Software- und KI-Kompetenz ist und deren Hauptkunden deutsche Unternehmen sind.

Das heißt nicht, dass der deutsche Markt sich ausländischen Softwareanbietern generell verschließt. Amerikanische Softwareunternehmen sind hier selbstverständlich präsent. Indische IT-Dienstleister wie Infosys oder TCS arbeiten seit über zwanzig Jahren in Deutschland – mit deutschen Niederlassungen, die die Verträge halten, und deutschen Industriekunden, während ein erheblicher Teil der Entwicklungsleistung offshore erbracht wird.[1]

Auch chinesische Technologieunternehmen sind präsent: in Telekommunikation und Hardware, im Consumer-Geschäft, teilweise mit eigenen Entwicklungsstandorten.

Die Lücke ist also nicht generell. Sie betrifft ein bestimmtes Segment – und ein bestimmtes Herkunftsland.

Das liegt nicht an fehlender Größe der Branche. Der Umsatz der chinesischen Software- und IT-Dienstleistungsbranche lag 2025 bei rund 15,5 Billionen Yuan(etwa 2 Billionen Euro)–ein Plus von 13,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei handelt es sich um Branchenumsatz, nicht um Wertschöpfung.[2]

Zu erklären ist also nicht, ob diese Unternehmen nach Deutschland kommen könnten. Zu erklären ist, warum sie es lange nicht vorrangig wollten.


I. Warum diese Abwesenheit hier nicht auffällt

Ein Gespräch im Jahr 2006

Um 2006 wurde der Leiter eines Shenzhener Softwareverbands nach Deutschland eingeladen. Kurz darauf reiste der Geschäftsführer eines deutschen Digitalverbands nach Shenzhen zum Gegenbesuch. Die deutsche Seite warb dafür, dass chinesische Softwareunternehmen in Deutschland investieren, und betonte den Wert Deutschlands als Zugang zum europäischen Markt sowie die Bedeutung europäischer Regelkonformität.

Der deutsche Gesprächspartner hatte zuvor maßgeblich daran mitgewirkt, dass amerikanische Technologieunternehmen – unter anderem Google – in Deutschland Fuß fassten. Aus dieser Erfahrung heraus waren Compliance, europäische Regeln und deutsche Lokalisierung die entscheidenden Voraussetzungen für einen internationalen Markteintritt. Aus deutscher Sicht war das eine klare und in sich schlüssige Logik.

Die chinesische Seite rechnete anders.

Zunächst wird „Compliance, europäische Regeln, Lokalisierung“ leicht als allgemeingültiger europäischer Zugangsschlüssel verstanden. Deutschland ist aber nicht einfach ein Anwendungsfall europäischer Regeln. Über den EU-Rahmen legen sich hier eigene Haftungsfragen, Sprachanforderungen, Branchenstandards, Beschaffungsgewohnheiten und eine spezifische Risikokultur.

Einige Fachleute in Shenzhen, die in den USA studiert oder gearbeitet hatten, wiesen schon damals auf die strukturellen Unterschiede zwischen dem deutschen Softwaremarkt und den Märkten in den USA und Großbritannien hin. Was chinesische Unternehmen damals unter „Internationalisierung“ verstanden, war im Kern an angelsächsischen Märkten geschult: englischsprachiges Umfeld, vergleichsweise offene Vertriebswege, Wettbewerb primär über das Produkt.

Der deutsche Softwaremarkt ist keine bloße Variante von „international“. Er ist ein eigenständiger, stark lokal geprägter Markt.

Für ein bereits internationalisiertes chinesisches Softwareunternehmen bedeutete Deutschland deshalb nicht, eine weitere Anpassungsschicht hinzuzufügen, sondern eine andere Fähigkeit aufzubauen.

Hinzu kam die Ausgangslage. Um 2006 waren Kapital, Fachkräfte und internationale Erfahrung in der chinesischen Softwarebranche knapp. Unternehmen mussten dorthin investieren, wo Wachstum am größten und Rückmeldung am schnellsten war. Deutschland dagegen bedeutete hohe Kosten, lange Zyklen, hohen Lokalisierungsaufwand – bei einem Ertrag, dessen Höhe und Zeitpunkt unklar blieben.

Dieses Gespräch ist deshalb weniger „gescheitert“, als dass beide Seiten sorgfältig gerechnet hatten. Die deutsche Seite sah Marktzugang, Rechtsrahmen und Reputation. Die chinesische Seite sah Ressourcenknappheit, Vorleistungen und Ertragsunsicherheit. Man hat nicht aneinander vorbeigeredet – man kam am selben Tisch, von unterschiedlichen industriellen Ausgangspunkten aus, zu unterschiedlichen kaufmännischen Schlüssen.

Das einzige Ergebnis, das aus diesem Austausch dauerhaft blieb, war mein eigener Weg nach Deutschland – als Vertreter eines Projekts jenes Shenzhener Verbands. Seither beobachte ich die Entwicklung der deutsch-chinesischen Beziehungen in Software und Digitalwirtschaft als unabhängiger Berater und Unternehmer.

In den zwanzig Jahren danach hat kaum jemand auf diesen Besuch zurückgeblickt. Und kaum jemand hat untersucht, warum es zwischen beiden Ländern im Maschinenbau, in der Automobilindustrie und in der Chemie umfangreiche Zusammenarbeit gibt – in Software und Digitalwirtschaft aber nie etwas Vergleichbares entstanden ist.

Ein strukturelles Problem der Austauschkanäle

Der formelle Austausch zwischen beiden Ländern läuft überwiegend über Institutionen: Außenhandelskammern, Wirtschaftsförderungen, Verbände, Städtepartnerschaften. Auf beiden Seiten ist das so.

Diese Institutionen stellen Kontakte her, keine Bewertungen. Das ist keine Frage von Kompetenz oder gutem Willen, sondern eine Frage des Auftrags. Ihre Aufgabe ist es, Kooperationen anzubahnen und Investitionen zu gewinnen; ihre Ergebnisformate sind Delegationen, Foren, Absichtserklärungen und Projektkontakte. In keinem dieser Formate steckt die Antwort auf die Frage, die ein Unternehmen tatsächlich beschäftigt: Lohnt sich dieser Aufwand?

Das Material für eine solche Antwort erreicht diese Kanäle ohnehin nicht. Interne Marktbewertungen, Kostenrechnungen und Opportunitätskostenvergleiche tauchen in öffentlichen Austauschformaten nicht auf. Da beide Seiten zudem langjährige Partnerinstitutionen sind, ist der Spielraum, Schwächen des jeweils anderen Marktes offen zu benennen, von vornherein begrenzt.

Auch die Medien können diese Lücke nur begrenzt schließen. Berichtet wird über Entscheidungen, nicht über Nicht-Entscheidungen; über Präsenz, nicht über Abwesenheit. Selbst die China-Korrespondenten des Handelsblatts haben nur begrenzten Zugang zu den internen Überlegungen chinesischer Unternehmen: warum sie sich gegen Deutschland entscheiden und stattdessen Afrika oder Südostasien wählen. Eine Entscheidung, die nicht getroffen wird, ist kein Ereignis..

Das Ergebnis: Das deutsche Bild der chinesischen Branche setzt sich vor allem aus dem zusammen, was Institutionen bewerben, und dem, was Medien für berichtenswert halten. Beides enthält selten die schlichte kaufmännische Rechnung. Es verschweigt niemand etwas – es gibt nur keinen Kanal, der für diese Art von Information zuständig wäre.

Deshalb lohnt der Blick zurück auf 2006: Damals hat die chinesische Seite ihre Rechnung ausgesprochen. Begrenzte Mittel, Einsatz dort, wo Ertrag, Tempo und Kalkulierbarkeit am besten sind – Deutschland gehörte nicht dazu. Genau diese Art von Information ist über Institutionen und Medien sonst nicht zu bekommen. Sie wurde ausgesprochen, fand aber weder in die Berichterstattung noch in spätere Analysen Eingang.

Die dahinterliegende Frage ist geblieben. Die deutsche Prämisse lautet oft: Wenn man den Wert des Marktes, die Verlässlichkeit der Regeln und die Bedeutung des europäischen Zugangs nur gut genug erklärt, entsteht Interesse. Chinesische Unternehmen stellen andere Fragen: Lohnt sich der Einsatz? Reicht der Ertrag? Ist das Risiko beherrschbar? Und sind die Opportunitätskosten niedriger als anderswo?

Das ist kein kultureller Unterschied. Es ist ein anderer Ausgangspunkt der Rechnung.


II. Wie diese Rechnung zustande kam

Erstens: Die Ertragsrechnung geht nicht auf

Software ist forschungsintensiv, und Investitionen zahlen sich häufig erst nach langer Zeit aus. Die OECD führt Software seit langem als F&E-intensive Branche;[3] auch Erhebungen der US-amerikanischen National Science Foundation zeigen, dass Softwareentwicklung und Computer- und IT-Systemdesign dauerhaft zu den forschungsstärksten Branchen zählen. Allein 2021 investierten amerikanische Unternehmen 257 Milliarden US-Dollar in Software-Forschung und -Entwicklung; das entsprach 43 Prozent der gesamten F&E-Ausgaben. [4]

Amerikanische Softwareunternehmen kommen mit einem starken Rückhalt nach Deutschland: einem sehr großen Heimatmarkt, einem funktionierenden Kapitalmarkt und Englisch als faktischer Sprache der globalen Softwarebranche. Deutschland ist für sie eine Station in einer bereits bestehenden internationalen Struktur.

Die chinesische Ausgangslage war eine andere. Die erste Generation chinesischer Softwareunternehmen entstand in den achtziger und neunziger Jahren, meist aus kleinen Teams von Technikern, die aus Hochschulen oder Instituten kamen. Es gab keinen vergleichbaren Kapitalmarkt, keine Verteidigungsaufträge, keinen bestehenden globalen Kundenstamm. [5]Die langen Jahre ohne Umsatz mussten die Gründer selbst tragen. Das hat eine sehr nüchterne Entscheidungspraxis geprägt: hohe Aufmerksamkeit für Kapitalrückfluss, Zahlungsziele und Opportunitätskosten – keine Kurzsichtigkeit, sondern eine unter Überlebensbedingungen entstandene kaufmännische Haltung.

Wenn die deutsche Digitalwirtschaft chinesische Unternehmen also anhand der Erfahrungen mit amerikanischen Anbietern einordnet, kann die Analogie in die Irre führen.

Für chinesische Anbieter ergaben sich im deutschen Markt vor allem vier Hürden:

Vertriebswege. Der B2B-Softwarevertrieb läuft in hohem Maße über lokale Partner, Systemintegratoren und Systemhäuser. Ausländische Anbieter erreichen Endkunden selten direkt; Vertrieb, Implementierung, Support und Betreuung laufen über Partner.[6] Dass große IT-Dienstleister wie Bechtle seit Jahrzehnten den Mittelstand und die öffentliche Hand bedienen, zeigt die Stellung dieser Schicht im deutschen Markt. Für einen ausländischen Anbieter bedeutet das: Vertrieb, Implementierung, Lokalisierung und Service verursachen jeweils zusätzliche Kosten und reduzieren die verbleibende Marge.[7]

Referenzkunden. Gerade Mittelstand und öffentliche Hand orientieren sich stark an Referenzen. Ohne deutschen Referenzkunden kommt man kaum in ein Beschaffungsverfahren – und ohne den ersten deutschen Kunden gibt es keinen zweiten. Ein geschlossener Kreis.[8]

Öffentliche Beschaffung. Rechtlich steht sie ausländischen Anbietern offen. Praktisch sind die Hürden für Anbieter ohne deutsche Zertifizierungen, deutschsprachigen Service, langfristige Betriebsfähigkeit und lokale Referenzen sehr hoch.[9]

Lokalisierungskosten. Hoch – und qualifiziertes Softwarepersonal ist teuer und knapp.

Jeder einzelne Punkt würde ein Unternehmen nicht abhalten. Entscheidend ist, dass sie gleichzeitig gelten: die öffentliche Beschaffung praktisch schwer zugänglich, der private B2B-Markt über Kanal und Referenzlogik verschlossen, dazu Lokalisierungsaufwand, lange Vertriebszyklen und teure Fachkräfte. Für ein Unternehmen mit begrenzten Mitteln ist das kein naheliegender Markt.

Nicht der Wert des deutschen Marktes stand infrage, sondern die Kosten, die Dauer und die Verlässlichkeit, mit der sich dieser Wert realisieren lässt.

Diese Einschätzung ist bis heute nicht vollständig überholt. Nach einer Erhebung der Chinesischen Handelskammer in Deutschland gemeinsam mit KPMG aus dem Jahr 2025 sehen sich beim Zugang zu öffentlicher Förderung 46 Prozent der befragten chinesischen Unternehmen benachteiligt; nur 5 Prozent sehen sich gegenüber europäischen Wettbewerbern gleichbehandelt.[10] Das ist eine Selbsteinschätzung der Befragten und kein objektives Maß. Es zeigt aber, dass sich die wahrgenommene institutionelle Unsicherheit nicht verbessert hat.

Ein weiteres Beispiel: Alibaba Cloud betreibt ein Rechenzentrum in Frankfurt – chinesische Cloud-Anbieter meiden europäische Infrastruktur also nicht grundsätzlich. Das heißt aber nicht, dass damit der deutsche Kundenmarkt erschlossen wäre. Für viele chinesische Anbieter dient europäische Infrastruktur vor allem der Begleitung chinesischer Unternehmen ins Ausland und dem grenzüberschreitenden Geschäft.[11]

Wichtig ist: Diese Hürden betreffen nicht nur chinesische Unternehmen. Walmart trat 1997 in den deutschen Markt ein und verkaufte 2006 seine Filialen wieder.[12] Kapital, Größe und Erfolg im Heimatmarkt übertragen sich in Deutschland nicht von selbst.

Zweitens: Auch der Markteintritt durch Übernahmen ist kein naheliegender Weg

Wenn organisches Wachstum schwierig ist – ließe sich der Zugang kaufen? Auch das ist kein naheliegender Weg. Nicht, weil es in Deutschland keine Softwarewerte gäbe, sondern weil deren Struktur nicht passt.

Die deutsche Softwarekompetenz konzentriert sich auf wenige große und einige spezialisierte Unternehmen. Was global relevant ist – SAP etwa –, ist für einen normalen chinesischen Käufer keine realistische Option. Mittelgroße Ziele mit technischer Substanz, deutschem Kundenstamm, passendem Preis und ohne regulatorische Empfindlichkeit sind selten. Und sobald ein Asset kritische Infrastruktur, Industriesteuerung, öffentliche Verwaltung oder Sicherheitsfragen berührt, kommt für chinesische Käufer eine zusätzliche Prüfebene hinzu.

Es fehlt nicht an Substanz, sondern an einem passenden Zeitfenster und Zuschnitt.

Die Software AG ist dafür ein aufschlussreiches Beispiel: eines der wichtigen deutschen Softwarehäuser, 2023 über ein öffentliches Übernahmeangebot durch den amerikanischen Investor Silver Lake kontrolliert.[13] Käufer und Marktwert gibt es also – nur öffnet sich dieser Weg chinesischen Unternehmen nicht von selbst.

Drittens: Es gab lohnendere Ziele

Die Ressourcen der chinesischen Softwarebranche lagen nicht brach. Sie flossen woandershin.

Ab etwa 2013 beschleunigte sich die Internationalisierung deutlich – nur nicht in Richtung Deutschland. Südostasien, der Nahe Osten, Afrika und Lateinamerika passten besser zum Fähigkeitsprofil: niedrigere Markteintrittsbarrieren, unmittelbarere Kundenbedarfe und schnellere Zahlungsrückflüsse. Bei Preis, Engineering, Umsetzungstempo und Branchenlösungen hatten chinesische Anbieter dort spürbare Vorteile.[14]

Anfangs ging es um Consumer-Anwendungen, Tools, E-Commerce, Spiele und Payment. Später kamen Cloud, Industriesoftware, Telekommunikation, Energie-Digitalisierung, Logistik und Fintech hinzu. Seit 2024 auch große Sprachmodelle, branchenspezifische KI und KI-Infrastruktur.

Die Branche hat sich also durchaus internationalisiert – Deutschland war nur nie die erste Wahl.[15]

Ein noch größerer Teil der Mittel floss in die industrielle Modernisierung im Inland, insbesondere in die vertikale Integration von KI in Produkte: Kommunikationstechnik, vernetzte Fahrzeuge, Robotik, Werkzeugmaschinen, Optik, Landmaschinen, Unterhaltungselektronik.

Daraus ergibt sich ein Weg, der den Interessen chinesischer Unternehmen besser entspricht: Ein Unternehmen muss nicht unbedingt als Softwareunternehmen in den deutschen Markt eintreten; seine technologische Kompetenz kann auch über Produkte, Lieferketten, Module und Hardware in globale Wertschöpfungsketten einfließen.

Es fehlte also nie an Alternativen. Im Gegenteil: Es gab zu viele Märkte, in denen die Rechnung leichter aufging.


III. Was daraus geworden ist

Nach Angaben der Stadtregierung von Shenzhen lag der Umsatz der dortigen Softwarebranche 2005 bei rund 7,18 Milliarden Euro und 2011 bereits bei rund 29,31 Milliarden Euro.[16] Im Regierungsbericht der Stadt für 2026 wird der Bereich Software- und Informationsdienste mit über 102 Milliarden Euro ausgewiesen; für 2026 wird ein Umsatzwachstum von über zehn Prozent angestrebt.

Dieses Wachstum ist nicht über den deutschen Markt entstanden, sondern im Inland, in anderen Auslandsmärkten und in der Verbindung mit Fertigung, Hardware, Telekommunikation und industrieller Digitalisierung.

Der deutsche Markt ist selbstverständlich attraktiv. Er ist einer der größten ICT- und Softwaremärkte Europas, mit kaufkräftigen Kunden, tiefer industrieller Basis und dauerhaftem Digitalisierungsbedarf; die US-Handelsbehörde ITA beziffert den deutschen ICT-Markt für 2024 auf rund 222,6 Milliarden Euro und erwartet für 2025 rund 232,8 Milliarden Euro.[17]

Nur bedeutet „wertvoll“ eben nicht „vorrangig“.

Für ein chinesisches Unternehmen ist bereits der erste deutsche Kunde schwer zu gewinnen. Und ist er gewonnen, folgen Lokalisierung, Kanal, Implementierung, Service, Compliance, Datenfragen und Markenaufbau als fortlaufende Kosten. Wenn der Rückfluss deutlich länger dauert als anderswo – wozu dann diese Investition?

Ein Hinweis noch: Die ab 2017 verschärfte Investitionsprüfung, die Technologiekontrollen und die geopolitischen Entwicklungen haben die Kosten weiter erhöht. Sie kamen aber zu einer bereits gefällten Einschätzung hinzu; verursacht haben sie diese nicht. Diese Ebene verdient eine eigene Betrachtung und ist nicht Gegenstand dieses Textes.


Schluss

Chinesische Softwareunternehmen sind also nicht deshalb ausgeblieben, weil sie nicht eingeladen worden wären oder weil ihnen Informationen gefehlt hätten. Sie haben im langfristigen Vergleich Wege gefunden, die mehr Ertrag bei geringerem Risiko versprachen. Der Verzicht auf Deutschland ist eine unternehmerische Entscheidung, die sich im Nachhinein bestätigt hat.

Wenn Deutschland möchte, dass diese Rechnung neu aufgemacht wird, lautet die eigentliche Frage nicht: Warum kommen sie nicht? Sondern: Was kann Deutschland bieten, das eine neue Rechnung lohnend macht?

Ein chinesisches Softwareunternehmen prüft, ob die Kunden da sind, ob Daten rechtssicher und dauerhaft nutzbar sind, wie groß die Aufträge sind, ob die Regeln in einigen Jahren noch dieselben sein werden, ob die Kosten gedeckt sind und welche zusätzlichen regulatorischen und geopolitischen Risiken das Europageschäft für die Muttergesellschaft mit sich bringt. Das sind geschäftliche Argumente.

Der Wunsch nach einer Alternative zu den USA gehört nicht dazu.[18] Er ist ein deutsches und europäisches strategisches Bedürfnis – kein unternehmerischer Ertrag. Als Argument für einen Markteintritt trägt er nicht.

Damit sind wir bei derselben Verschiebung wie 2006: Deutschland erklärt, warum der deutsche Markt attraktiv ist. Das Unternehmen fragt, was sich für es rechnet. Zwanzig Jahre später hat sich an diesem grundlegenden Unterschied wenig geändert.


[1] Tata Consultancy Services (TCS): TCS ranked as one of the Top Employers in Germany, in: tcs.com, 22. Februar 2017, URL: https://www.tcs.com/who-we-are/newsroom/press-release/tcs-ranked-top-employers-germany, abgerufen am 20. August 2026.

[2] Ministry of Industry and Information Technology of the People’s Republic of China, „China’s software industry revenues surge 13.2 pct in 2025“, english.www.gov.cn, January 31, 2026,

[3] National Center for Science and Engineering Statistics (NCSES) / National Science Foundation (NSF): Business R&D Performance in the United States Increases to $722 Billion in 2023, in: ncses.nsf.gov, 29. September 2025, URL: https://ncses.nsf.gov/pubs/nsf25353, abgerufen am 19. August 2026

[4] National Center for Science and Engineering Statistics (NCSES) / National Science Foundation (NSF): U.S. Business R&D – Research and Development: U.S. Trends and International Comparisons, in: ncses.nsf.gov, 21. Mai 2024, URL: https://ncses.nsf.gov/pubs/nsb20246/u-s-business-r-d, abgerufen am 19. August 2026.

[5] Ministerium für Wissenschaft und Technologie der Volksrepublik China (MOST):改革开放 30 年“科技改变中国“系列报告之七 – IT 产业:从“缺芯少魂“到自主创新, in: most.gov.cn, 25. November 2008, URL: https://www.most.gov.cn/ztzl/jnkjggfz30/jnkjggfz30zx/200811/t20081125_65560.html, abgerufen am 19. August 2026.

[6] Purple Path: GTM strategy for SaaS entering German market: The Berlin to Munich execution guide, in: purplepath.io, 28. Juli 2026, URL: https://www.purplepath.io/blog/gtm-strategy-for-saas-entering-german-market-the-berlin-to-munich-execution-guide, abgerufen am 19. August 2026.

[7] Bechtle AG: BECHTLE AG IR Company Presentation, in: bechtle.com, 8. April 2026, URL: https://www.bechtle.com/dam/jcr:858d0d16-6b6d-48b1-bb4d-a742d6b550cb/03_DZBank_RSWien_08042026.pdf, abgerufen am 19. August 2026.

[8] Startuprad.io: Why German Buyers Google You Before They Reply, in: startuprad.io, 23. Juli 2026, URL: https://www.startuprad.io/post/why-german-buyers-google-you-before-they-reply-1, abgerufen am 19. August 2026

[9] Duke: Germany Public Procurement Guide (2026), in: duke.yt, 31. März 2026, URL: https://duke.yt/learn/germany-public-procurement-guide, abgerufen am 19. August 2026.

[10] Chinese Chamber of Commerce in Germany (CHKD) / KPMG Germany: Business Confidence Survey of Chinese Companies in Germany 2025, in: kpmg.com, 18. November 2025, URL: https://kpmg.com/de/en/insights/geopolitics/china/germany-top-investment-location-for-chinese-companies.html, abgerufen am 19. August 2026.

[11] Alibaba Cloud: Alibaba Cloud Launches Third Data Center in Germany, in: alibabanews.com, 17. Mai 2022, URL: https://www.alibabanews.com/%E9%98%BF%E9%87%8C%E9%9B%B2%E5%95%9F%E7%94%A8%E5%BE%B7%E5%9C%8B%E5%8F%8A%E6%B3%B0%E5%9C%8B%E6%96%B0%E6%95%B8%E6%93%9A%E4%B8%AD%E5%BF%83/, abgerufen am 19. August 2026.

[12] Walmart Inc.: Wal-Mart Announces Sale of German Business – 8-K Current Report, in: stock.walmart.com, 1. August 2006, URL: https://stock.walmart.com/sec-filings/all-sec-filings/content/0001169232-06-003240/d68850_ex99-1.htm, abgerufen am 19. August 2026.

[13] Software AG: Software AG enters into Investment Agreement with Silver Lake to support long-term growth, in: pressetext.com, 21. April 2023, URL: https://www.pressetext.com/news/software-ag-enters-into-investment-agreement-with-silver-laketo-support-long-term-growth.html, abgerufen am 19. August 2026.

[14] CCID Consulting: 软件企业出海再发力:新机会下的技术和生态竞速, in: finance.sina.com.cn, 26. November 2024, URL: https://finance.sina.com.cn/roll/2024-11-26/doc-incxktkk7396147.shtml, abgerufen am 19. August 2026.

[15] Cyberspace Administration of China (CAC): 人工智能产业亮点纷呈(权威发布), in: cac.gov.cn, 22. Januar 2026, URL: https://www.cac.gov.cn/2026-01/22/c_1770811623773368.htm, abgerufen am 19. August 2026.

[16] Shenzhen Municipal Government: 深圳市经济贸易和信息化委员会关于印发《深圳市软件和信息服务业发展“十二五“规划》的通知, in: sz.gov.cn, 15. Oktober 2012, URL: https://www.sz.gov.cn/zfgb/2012_1/gb809/content/post_4949207.html, abgerufen am 19. August 2026

[17] U.S. Department of Commerce – International Trade Administration: Germany – Information and Communications Technology (ICT), in: trade.gov, 7. Oktober 2021, URL: https://www.trade.gov/country-commercial-guides/germany-information-and-communications-technology-ict, abgerufen am 19. August 2026.

 

[19] Tata Consultancy Services (TCS): TCS ranked as one of the Top Employers in Germany, in: tcs.com, 22. Februar 2017, URL: https://www.tcs.com/who-we-are/newsroom/press-release/tcs-ranked-top-employers-germany, abgerufen am 20. August 2026.

[20] Ministry of Industry and Information Technology of the People’s Republic of China, „China’s software industry revenues surge 13.2 pct in 2025“, english.www.gov.cn, January 31, 2026, https://english.www.gov.cn/archive/statistics/202601/31/content_WS697d4dcec6d00ca5f9a08db0.html (accessed August 19, 2026).

[21] National Center for Science and Engineering Statistics (NCSES) / National Science Foundation (NSF): Business R&D Performance in the United States Increases to $722 Billion in 2023, in: ncses.nsf.gov, 29. September 2025, URL: https://ncses.nsf.gov/pubs/nsf25353, abgerufen am 19. August 2026.

[22] National Center for Science and Engineering Statistics (NCSES) / National Science Foundation (NSF): U.S. Business R&D – Research and Development: U.S. Trends and International Comparisons, in: ncses.nsf.gov, 21. Mai 2024, URL: https://ncses.nsf.gov/pubs/nsb20246/u-s-business-r-d, abgerufen am 19. August 2026.

[23] Ministerium für Wissenschaft und Technologie der Volksrepublik China (MOST):改革开放 30 年“科技改变中国“系列报告之七 – IT 产业:从“缺芯少魂“到自主创新, in: most.gov.cn, 25. November 2008, URL: https://www.most.gov.cn/ztzl/jnkjggfz30/jnkjggfz30zx/200811/t20081125_65560.html, abgerufen am 19. August 2026.

[24] Purple Path: GTM strategy for SaaS entering German market: The Berlin to Munich execution guide, in: purplepath.io, 28. Juli 2026, URL: https://www.purplepath.io/blog/gtm-strategy-for-saas-entering-german-market-the-berlin-to-munich-execution-guide, abgerufen am 19. August 2026.

[25] Bechtle AG: BECHTLE AG IR Company Presentation, in: bechtle.com, 8. April 2026, URL: https://www.bechtle.com/dam/jcr:858d0d16-6b6d-48b1-bb4d-a742d6b550cb/03_DZBank_RSWien_08042026.pdf, abgerufen am 19. August 2026.

[26] Startuprad.io: Why German Buyers Google You Before They Reply, in: startuprad.io, 23. Juli 2026, URL: https://www.startuprad.io/post/why-german-buyers-google-you-before-they-reply-1, abgerufen am 19. August 2026.

[27] Duke: Germany Public Procurement Guide (2026), in: duke.yt, 31. März 2026, URL: https://duke.yt/learn/germany-public-procurement-guide, abgerufen am 19. August 2026.

[28] Chinese Chamber of Commerce in Germany (CHKD) / KPMG Germany: Business Confidence Survey of Chinese Companies in Germany 2025, in: kpmg.com, 18. November 2025, URL: https://kpmg.com/de/en/insights/geopolitics/china/germany-top-investment-location-for-chinese-companies.html, abgerufen am 19. August 2026.

[29] Alibaba Cloud: Alibaba Cloud Launches Third Data Center in Germany, in: alibabanews.com, 17. Mai 2022, URL: https://www.alibabanews.com/%E9%98%BF%E9%87%8C%E9%9B%B2%E5%95%9F%E7%94%A8%E5%BE%B7%E5%9C%8B%E5%8F%8A%E6%B3%B0%E5%9C%8B%E6%96%B0%E6%95%B8%E6%93%9A%E4%B8%AD%E5%BF%83/, abgerufen am 19. August 2026.

[30] Walmart Inc.: Wal-Mart Announces Sale of German Business – 8-K Current Report, in: stock.walmart.com, 1. August 2006, URL: https://stock.walmart.com/sec-filings/all-sec-filings/content/0001169232-06-003240/d68850_ex99-1.htm, abgerufen am 19. August 2026.

[31] Software AG: Software AG enters into Investment Agreement with Silver Lake to support long-term growth, in: pressetext.com, 21. April 2023, URL: https://www.pressetext.com/news/software-ag-enters-into-investment-agreement-with-silver-laketo-support-long-term-growth.html, abgerufen am 19. August 2026.

[32] CCID Consulting: 软件企业出海再发力:新机会下的技术和生态竞速, in: finance.sina.com.cn, 26. November 2024, URL: https://finance.sina.com.cn/roll/2024-11-26/doc-incxktkk7396147.shtml, abgerufen am 19. August 2026.

[33][33] Cyberspace Administration of China (CAC): 人工智能产业亮点纷呈(权威发布), in: cac.gov.cn, 22. Januar 2026, URL: https://www.cac.gov.cn/2026-01/22/c_1770811623773368.htm, abgerufen am 19. August 2026.

[34] Shenzhen Municipal Government: 深圳市经济贸易和信息化委员会关于印发《深圳市软件和信息服务业发展“十二五“规划》的通知, in: sz.gov.cn, 15. Oktober 2012, URL: https://www.sz.gov.cn/zfgb/2012_1/gb809/content/post_4949207.html, abgerufen am 19. August 2026.

[35] Shenzhen Municipal Government:2026年深圳市政府工作报告全文发布, in: sz.gov.cn, 24. Februar 2026, URL: https://www.sz.gov.cn/cn/xxgk/zfxxgj/zwdt/content/post_12650902.html, abgerufen am 19. August 2026.

[36] U.S. Department of Commerce – International Trade Administration: Germany – Information and Communications Technology (ICT), in: trade.gov, 7. Oktober 2021, URL: https://www.trade.gov/country-commercial-guides/germany-information-and-communications-technology-ict, abgerufen am 19. August 2026.

[37] Deutsche Welle (DW): Europe races to close AI gap with the US, in: dw.com, 19. Juni 2026, URL: https://www.dw.com/en/can-europe-build-its-own-ai-heavyweights-to-rival-the-us/a-77629735, abgerufen am 19. August 2026.

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